Marktrecht und Stadtwappen für Schwarzenbach im Jahr 1610?


Hat das Dorf Schwarzenbach an der Saale tatsächlich am 25. April 1610 durch Markgraf Christian das Marktrecht und das noch heute gültige Wappen verliehen bekommen? Heimatforscher Bruno Hager stieß auf Unterlagen, die Überraschendes zu dieser Frage ans Licht brachten:
 
Bei einem gut besuchten Vortrag des Historischen Vereins für Oberfranken und der Stadt Schwarzenbach an der Saale überraschte der in Bayreuth lebende Schwarzenbacher Heimatforscher Bruno Hager die Zuhörer mit der Präsentation eines Schwarzenbacher Ratssiegels aus dem Jahr 1521.
 
Bisher war man davon ausgegangen, dass Schwarzenbach im Jahr 1610 durch Markgraf Christian von Brandenburg-Bayreuth Marktrecht und Wappen verliehen bekommen hatte und seit diesem Jahr auch ein Rat in Schwarzenbach existierte. Diese Annahme ging auf eine Nachricht in der sogenannten Sartorius-Chronik von 1753 zurück. Dort heißt es, dass Markgraf Christian den Ort für würdig erachtete, „ihm die Freyheiten eines Marckfleckens zu ertheilen. Schade ist es, daß sich kein deßwegen ausgestelltes Diploma mehr findet, daraus man die Veranlaßung dazu abnehmen könnte. Es versammlete nehmlich obgedachter Herr Marggraf 1610 am 25sten April die jungen Bürger so wohl aus der Hauptmanschafft Hof und den dazu gehörigen Märckten, als auch aus den 6 Aemtern nach Kirchenlamitz, und musterte dieselben allda. Nun kann es wohl seyn, daß dieser Fürst damahls durch Schwarzenbach gereiset ist oder einige aus diesem Ort mit auf der Musterung gewesen sind, und man also diese Freyheit gesucht oder wohl auch einer der Räthe dazu den Anschlag gegeben hat.“
 
Die Verfasser der Schwarzenbacher Chronik von 1908 übersahen seine einschränkenden Formulierungen und ließen die Spekulation zur Gewissheit werden: „Schwarzenbach an der Saale wurde am 25. April 1610 […] von dem Markgrafen Christian von Bayreuth-Kulmbach zu einem Markte erhoben.“ Diese Feststellung fand, zusammen mit der Aussage, dass Schwarzenbach damals sein Wappen bekommen habe, in der Folge Eingang in alle Darstellungen der Schwarzenbacher Geschichte - und ist so nicht mehr zu halten.
 
Eine Nachricht in der Kirchenchronik des Pfarrers Sartorius, wonach Schwarzenbach schon 1556 einen Rat mit eigenem Siegel hatte, fand offenbar keine Beachtung, obwohl die Abschrift eines entsprechenden Textes vorlag, die 1757 durch den kaiserlichen Notar Baumann beglaubigt worden war.
 
Durch einen glücklichen Zufall stieß der Referent im Stadtarchiv Wunsiedel auf ein Dokument, das die Existenz eines Schwarzenbacher Rats und seines Siegels bereits für das frühe 16. Jahrhundert bestätigt. In einem Gerichtsbrief vom 3. Juni 1521, dem Erasmustag, geht es um die Klage des Hirschberger Rittergutsuntertanen Nickel Dressel und seines Stiefvaters Egermann aus Zettlitz gegen einen Thiersheimer Bürger. Sitz des auch für die Zettlitzer Untertanen zuständigen Herrschaftsgerichts der Hirschberger war Schwarzenbach an der Saale.
 
In der für heutige Leser ungewöhnlichen Orthographie des 16. Jahrhunderts beginnt das Schriftstück mit den Worten „Ich Friderich Feusnitzer d[e]r zeit der Erbarn vnd Vestn Hern vnd Junckern der von hirsperck geschborener Richt[er] zu schbertznboch ander sal …“. In seinem Schlussteil nennt das Protokoll auch die Namen der zwölf Gerichtsschöffen, die gleichzeitig die Mitglieder des Schwarzenbacher Rats waren: Hans Feusnitzer, Hans Gulden, Jorg Spengler, Hans Kisling, Jorg Stegmacher, Nickel Steinbach, Nickel Ritter, Nickel Seydel, Hans Zeidler, Erhart Donner, Erhart Gebhart und Jürg Lorentz.
 
Das eingedruckte Papiersiegel zeigt unverkennbar das heute noch verwendete, waagrecht dreigeteilte Wappen, in der Mitte von (heraldisch) links nach rechts schwimmend, einen Fisch. Über dem Fisch erkennt man eine stilisierte Welle aus drei Linien, unter dem Fisch eine weitere Wellenlinie - insgesamt wohl die Darstellung des fließenden Wassers der Saale. Das Wappen ziert einen asymmetrischen Schild mit Speerruhe auf der (heraldisch) rechten Seite, eine sogenannte Tartsche. Die Heraldik weist solche Schilde dem 15./16. Jahrhundert zu. Der „Zierrat“ oberhalb des Schildes verschließt sich einer raschen Deutung. Für die Umschrift hat man die gotische Minuskel verwendet, Zeitstellung 14./15. Jahrhundert. Unter Berücksichtigung dieser Umstände wird man wohl von einer Entstehung des Siegels noch im 15. Jahrhundert ausgehen können.
 
Damit steht fest, dass es sich bei dem Wappen im Marktsiegel von 1610 nur um eine Bestätigung oder um eine Erneuerung des alten Wappenbildes, nicht aber um eine Erstverleihung handeln kann. Belegt ist mit diesem Siegel auch, dass in Schwarzenbach bereits im Jahr 1521 eine verfasste Bürgerschaft bestand.
 
Nach wie vor aber gibt es kein Schriftstück, das die Marktrechtsverleihung an Schwarzenbach beweist. Obwohl dieser Rechtsakt dem Kaiser oder dem Landesfürsten zustand, ist es auch denkbar, dass die Hirschberger als selbstbewusstes Adelsgeschlecht ihren Machtmittelpunkt durch die eigenmächtige Verleihung von entsprechenden Privilegien aufgewertet haben. Immerhin verliehen auch die Sparnecker 1364 das Stadtrecht an Münchberg, mit kaiserlicher Billigung und Bestätigung, und die Nothaft erhoben um 1390 Thiersheim zu einem Markt mit städtischen Rechten.
 
Prof. Dr. Dieter J. Weiß, Ordinarius für Bayerische Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München, meint dazu:
„In Mittelalter und früher Neuzeit ist fast alles möglich, und strenge Rechtsregeln, wie sie v.a. das 19. Jahrhundert in der Vergangenheit zu finden meinte, gab es nicht. […] Einen Versuch der Hirschberger, ihren Ort zu einem Markt aufzuwerten, und dazu Siegel und
Ratsverfassung zu verleihen, kann ich mir durchaus vorstellen. […] Ich könnte mir auch denken, daß die Marktbezeugung von 1610 kein neues Recht gesetzt hat, sondern einfach bestehende Zustände durch den neuen Landesherrn bestätigte.“
 
Fazit: Das Kapitel „Marktrecht für Schwarzenbach“ ist noch keineswegs abgeschlossen.
 
Und schließlich noch eine sehr interessante Randnotiz:
Nach der Übernahme des Markgraftums Bayreuth durch Preußen 1791/92 hätte sich für die Schwarzenbacher das fehlende Marktrechtsdokument beinahe verhängnisvoll ausgewirkt. Für die preußische Verwaltung galt Schwarzenbach deswegen nämlich, trotz seiner zweieinhalbtausend Einwohner, als Dorf - mit der Konsequenz, dass die Privilegien, die die Schwarzenbacher Handwerker genossen, als ungültig anzusehen waren, so dass ihnen in großer Zahl Berufsverbote drohten. Dagegen protestierte der damalige Rittergutsbesitzer, der Fürst von Schönburg-Waldenburg, sogar in einem persönlichen Schreiben an den preußischen König. Eine Stellungnahme des Hofer Landeshauptmanns lässt erkennen, dass es in dieser Angelegenheit um mehr als ein juristisches Geplänkel ging und dass ganz handfeste wirtschaftliche Interessen der Stadt Hof mit im Spiel waren. In einem Schreiben der Hofer Landeshauptmannschafts-Verwesung vom 13.12.1796 heißt es nämlich:
 
„[...] leuchtet doch allenthalben die Absicht [des Fürsten von Schönburg-Waldenburg] hervor, sein Schwarzenbach, ein bloßes Dorf, das bisher schon hiesiger Stadt Schaden genug gethan hat, empor zu bringen und dagegen die Stadt Hof zu ruinieren, denn Schwarzenbach war ehehin bisher für Hof dasjenige, was Fürth für Nürnberg ist. Jemehr dieses empor kommt, jemehr muß der Wohlstand der Stadt fallen.“
 
Keine 50 Jahre nach diesen Ereignissen wurde dem Markt Schwarzenbach an der Saale durch König Ludwig I. das Stadtrecht verliehen. Die Urkunde darüber liegt wohlverwahrt im Schwarzenbacher Stadtarchiv.
 
 

von links:
1. Bürgermeister Hans-Peter Baumann, Heimatforscher Bruno Hager und Stadtarchivar Helmut Linke
 
Zum Abschluss des hochinteressanten Vortrages bedankte sich Bürgermeister Baumann ganz herzlich bei Bruno Hager für die neuen Erkenntnisse und die umfangreichen Forschungsarbeiten, die diesen zugrunde liegen. Er brachte zum Ausdruck, dass es für die Stadt Schwarzenbach von großem Interesse wäre, das Verleihungsjahr des Marktrechtes weiter zu erforschen.

 

Stand der Informationen: 18.05.2015